Man mit Drug Free Aufkleber

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Ist mein Kollege ein Verschwörungstheoretiker geworden?

Angst im Büro. Und wie Sie drauf reagieren

– „Hast du das gehört?“ – „Nein, was denn?“

– „Impfpflicht soll jetzt sicher kommen. Die wollen uns doch nur kontrollieren! Schau doch mal, was in Israel los ist.“ – „Wie kommst du denn auf so eine Idee?“

– „Ist doch logisch! Die Kathy aus der Buchhaltung hat mir auch so einen Artikel geschickt. Ich leite ihn dir weiter. Dann wachst du vielleicht auch endlich mal auf!“

Solche Unterhaltungen kommen auch unter Kollegen immer häufiger vor. Vielleicht sind es andere Behauptungen oder andere Vorwürfe, aber eines wird klar: Die aktuelle Situation macht Menschen immer häufiger auch Angst.

Kein anderes Thema hat im letzten Jahr Menschen auf der ganzen Welt so getroffen wie die Pandemie und daraus ergeben sich viele Sorgen und manchmal eben auch Angstreaktionen. Manche der Sorgen haben handfeste Gründe, wie zum Beispiel die vor finanziellen Einbußen oder dem Arbeitsplatzverlust, andere sind weniger verständlich, wie der Gedanke, dass eine Elite die Welt manipulieren wolle. Aber alle, auch die illusorischen Szenarien, haben einen gemeinsamen Nenner und der heißt: Angst!

Menschen reagieren auf Angst unterschiedlich und es ist hilfreich, sich bewusst zu machen, welche typischen Reaktionen es geben kann. So kann man eher angemessen und überlegt damit umgehen. Natürlich sind Menschen Individuen und reagieren auf vielfältige Weise, unter anderem abhängig von den Aktionen ihres Umfelds. Aber dennoch gibt es mehr Gemeinsamkeiten, als manche denken.

Um das deutlich zu machen, nutzen wir bei commma oft das DISG-Modell, weil es aus unserer Sicht, eine pragmatisch hilfreiche Differenzierung auf Alltagsniveau liefert. Das DISG-Modell unterscheidet vier verschiedene Verhaltenstendenzen anhand von zwei Dimensionen, dabei steht DISG für Dominanz, Initiative, Stetigkeit und Gewissenhaftigkeit, was gleichzeitig die Kerneigenschaft der jeweiligen Verhaltenstendenz beschreibt. Diese Unterteilung in vier Hauptgruppen hilft uns, Denkweisen und Handlungen anderer besser zu verstehen.

Die vier Verhaltenstypen nach dem DISG-Modell und typische Reaktionen auf die Pandemie als Angstsituation.

Das DISG-Modell leitet seine vier Dimensionen aus zwei Kernfragen ab: Ist mein Umfeld freundlich oder feindlich und inwiefern kann ich es beeinflussen oder werde ich davon beeinflusst. So ergeben sich die vier Verhaltenspräferenzen:

Dominante Personen

Dominante Menschen, meistens mit Rot gekennzeichnet, gelten als stark, zielorientiert und auf Aktion und Erfolg fokussiert. Personen mit dieser Verhaltenspräferenz werden häufig als direkt, mutig aber auch konkurrierend wahrgenommen. Für dominante Menschen scheint das Umfeld oft feindlich zu sein und sie zählen auf die eigene Fähigkeit, die Welt gestalten können.

In Angstsituationen, z.B. in der Pandemie, erleben dominante Menschen oft eine ernsthafte Bedrohung ihrer Einflussfähigkeit und ihrer Ziele. Sie verlieren die Kontrolle und andere setzen plötzlich die Prioritäten. In Stresssituationen tendieren dominante Menschen dazu, klare, manchmal harte Ansagen zu machen und sich betont stark zu geben, was auch beinhalten kann, andere abzuwerten oder auszuschließen. So versuchen die Dominanten ihren Einfluss auf die Situation aufrechtzuerhalten – oder zumindest die Illusion ihres Einflusses.

Initiative Personen

Initiative (gelbe) Personen sind für ihre Kreativität und Dynamik bekannt; sie sind normalerweise Entdecker und Netzwerker, für die Spaß auch bei der Arbeit eine große Rolle spielt. Initiative Menschen sind offen für Neues: Egal ob es neue Kontakte oder neue Aufgaben sind und sie genießen den Input, den andere in die Zusammenarbeit bringen. Die Welt ist für Menschen mit dieser Verhaltenspräferenz freundlich und beeinflussbar, eine große Spielwiese zum Experimentieren.

Die Pandemie hat vor allem den Input von außen beschnitten, den Gelbe so sehr schätzen und auch brauchen. Keine echten Treffen mit Freunden mehr, viel weniger informellen Austausch mit den Kollegen, vielleicht das Gefühl, in den eigenen vier Wänden gefangen zu sein – das macht Menschen mit gelben Präferenzen Angst. Und sie versuchen ihrer Angst entgegenzuwirken, in dem sie noch mehr wirbeln als bislang, so dass sie manchmal als chaotisch erlebt werden. Gelbe können nonstop erzählen und sich für eine Neuigkeit nach der anderen interessieren – leider manchmal auch für Fake-News.

Stetige Personen

Menschen mit einer stetigen Verhaltenspräferenz zeichnen sich durch Harmoniebedarf und Teamfähigkeit aus. Sie sind emotional mit anderen verbunden, loyal und geduldig. Besonders bei unterstützenden Aufgaben und bei Routinetätigkeiten fühlen sich diese Menschen wohl. Stetige, oder auch „grüne“ Menschen leben in einer freundlichen Welt, von der sie beeinflusst werden.

Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass viele vertraute und bekannte Abläufe plötzlich geändert werden mussten und sich auch weiterhin verändern, ohne dass wir schon genau wissen, was als Nächstes kommt. Grüne erleiden dadurch einen Verlust an Orientierung und an Planbarkeit, die ihnen bislang Sicherheit in ihrer Welt gegeben haben. Als Angstreaktion halten Sie an dem, was sie kennen, umso mehr fest, werden unflexibel und manchmal auch zu Bremsern und starken Bedenkenträgern. Grüne, stetige Menschen tendieren dazu, sich zurückzuziehen und alleine zu leiden und dort, wo Vertrauen besteht, sich über ihre Weltuntergangsideen auszulassen – den Grund ihrer Miesepetrigkeit sehen sie selten in der eigenen Angst.

Gewissenhafte Personen

Gewissenhafte sind ordnungsliebende Menschen, die durch ihre Ausdauer, ihre Genauigkeit und ihren Fleiß bekannt sind, im DISG-Modell bekommen sie die Farbe Blau zugeordnet. Blaue leben in einer eher feindlichen Welt, die geordnet und darüber verstanden werden muss.

In der Pandemie fühlen sich blaue, gewissenhafte Menschen durch die ständig neuen Informationen und die unklare Erkenntnislage verunsichert. Sie versuchen dennoch, wieder Klarheit, Überblick und Struktur zu gewinnen und verlieren sich angesichts der vielen neuen und unüberschaubaren Informationslage manchmal in Minidetails. Blaue können einen Link nach dem anderen teilen oder Andere mit detailliertem Informationsmaterial nerven – ohne, dass von der genervten Reaktion der Anderen etwas beim Blauen „ankommt“.

Wie Sie reagieren können

Wenn Sie einmal verstanden haben, dass Menschen je nach „Farben-Präferenz“ auf Stresssituationen unterschiedlich reagieren und dass dies gerade in der Pandemie heftige Auswirkungen zeigen kann, dann können Sie sich darauf einstellen, sie können gelassener reagieren und anderen dadurch eine Hilfestellung sein.

Versuchen Sie, mit einem gütigen Blick auf die Reaktionen der anderen zu schauen und so zuzuhören, dass sie „hinter“ das oberflächlich Gesagte blicken. Wenn im Bekannten- oder Familienkreis sich jemand in krude Aussagen versteigt oder der früher zurückhaltende Kollege sie mit zweifelhaften Informationen zuspamt, halten Sie sich vor Augen, dass da vielleicht gerade jemand versucht, seine innere Not zu lindern oder die eigene Angst zu beruhigen.

Fragen Sie sich, ob sie einem Gelben nicht anbieten können, gemeinsam etwas Spaßiges zu tun, oder bestätigen dem Roten, dass Sie froh sind, dass er Dinge in die Hand nimmt, die gerade machbar sind. Haben Sie eine grüne Reaktion entdeckt, könnten Sie sich auf bestimmte Regeln verständigen und Sie könnten einem Blauen schreiben, dass Sie gerne mal mit ihm ausführlicher und in Ruhe über eine Sache reden würden. Damit reagieren Sie ganz im Sinne der Farben beruhigend für das Gegenüber. So sorgen Sie für ein besseres Miteinander während dieser schwierigen Zeit und entwickeln gleichzeitig ihre Empathie weiter.

Fazit

In starken und andauernden Belastungssituationen, wie der Pandemie, reagieren Menschen mit unterschiedlichen Verhaltenstendenzen in einer für sie typischen Weise anders. Das DISG-Modell kann uns helfen, verschiedene Reaktionen den Verhaltenspräferenzen zuzuordnen und besser zu verstehen. So haben wir die Möglichkeit, liebevoll auf „seltsames Verhalten“ zu reagieren und Situationen zu entspannen. Mit diesem nützlichen psychologischen Tool für viele Alltagsinteraktionen ausgerüstet, können wir die Zusammenarbeit im Team fördern.

Nachwort: Wir wollen mit diesem Text dazu beitragen, dass Eskalationen verhindert werden, die aus ungesehener Angst resultieren. Wir wollen NICHT dazu einladen, selbst extremes Verhalten im Umfeld milde lächelnd hinzunehmen! Bleiben Sie aufmerksam und beziehen Sie Stellung, wenn Sie bestimmte Positionen nicht gut finden. Wir schreiben den Text, weil wir aus der Psychologie wissen, dass Menschen in der Regel einen längeren Weg der Unsicherheit und Not hinter sich haben, bevor sie sich auf extreme Positionen versteifen. Und während dieses Wegs können sie zu einem konstruktiven Miteinander zurückfinden, wenn sie von anderen in ihrer Not gesehen und erkannt werden.

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Die Autorin

Ursula Franke Psychologin Moderatorin Coach

Ursula Franke

ist Diplom-Psychologin, Geschäftsführerin und Mediatorin und unterstützt seit über 25 Jahren Kunden bei den Herausforderungen in der Personalentwicklung. Sie ergündet sorgfältig den Kern eines Menschen und weiß, was Begegnung, Vertrauen und Tiefe nachhaltig bewirken können. Ihre Erfahrungen gehen von kleinen Unternehmen bis zu höchsten Führungsebenen in Konzernen.