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Bild: unsplash.com | Erreichen Sie ihre Potenzial durch Coaching und Persönlichkeitsentwicklung

Ich-Entwicklung:

Interview mit Ursula Franke zur Einführung in das Modell der Ich-Entwicklung

Die wichtigste Stärke für gelungenes Leadership ist keine Stärke, sondern der Reifegrad eines Menschen – seine Persönlichkeit. Doch wie entwickelt sich das eigene „Ich“ und welche Bedeutung hat die Ich-Entwicklung für die Führungskompetenz? Diesen und noch weiteren Fragen sind wir in einem Interview mit unserer Geschäftsführerin Dipl.-Psych. Ursula Franke nach gegangen.

Lernen Sie im Folgenden das Modell der Ich-Entwicklung nach Jane Loevinger (1918-2008) kennen und erfahren Sie mehr über die spannende Reise, die jeder auf diesem Entwicklungspfad macht.

Franziska Just: Ursula, was genau beschreibt die Ich-Entwicklung?

Ursula Franke: Lange Zeit ging man davon aus, dass Erwachsene etwa im Alter von Mitte 20 in ihrer Persönlichkeit ausgereift sind und nur noch kleinere Verschiebungen passieren. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Ich-Entwicklung ist eine gut validierte Theorie darüber, wie sich Erwachsene entwickeln. Sie bildet den Anschluss an die Entwicklungsphasen von Kindern, die im Vergleich zur Erwachsenenentwicklung schon lange bekannt und erforscht sind (Theorie der kognitiven Entwicklung nach Jean Piaget oder die Theorie der Moralentwicklung nach Lawrence Kolberg).

FJ: Wie kam es zum Modell der Ich-Entwicklung? Wer hat die Theorie dazu gebildet?

UF: Die Entwicklungspsychologin Jane Loevinger hat in den 60er Jahren Kommunikationsmuster in Familien untersucht. Dabei hat sie zahlreichen Frauen identische Fragebögen gegeben. Bei der Auswertung aller Antworten ist aufgefallen, dass man die Antworten aufgrund von ähnlichen Sichtweisen clustern könnte. Das fanden die damals schon spannend und es war das Initial für das Modell der Ich-Entwicklung. Über viele Jahre hinweg hat Loevinger das Modell dann weiterentwickelt, das sie „Die Stufen der Ich-Entwicklung“ nennt. Es beschreibt, wie sich Menschen vor allem im Erwachsenenalter weiterentwickeln können.

Oftmals bezeichnen wir die Stufe der Ich-Entwicklung auch als Reifegrad einer Person. Und dieser Reifegrad ist wie die Grundmelodie einer Person, die Perspektive mit der sie auf die Welt blickt. All‘ die anderen Dinge mit denen wir uns auch beschäftigen, wie z.B. Persönlichkeitsmerkmale der Big FIVE (Fünf-Faktoren-Modell nach Costa & McGray), sind davon nicht berührt. Stattdessen kann man beispielsweise auf unterschiedlichen Reifegraden extravertiert oder offen für Neues sein. Und dann zeigt sich die Stufe der Ich-Entwicklung in der Art und Weise, wie man seine Extravertiertheit oder auch Offenheit lebt und zeigt.

FJ: Wozu nutzt Du die Ich-Entwicklung in Deiner Arbeit als Coach und Beraterin?

UF: Solche Modelle haben immer zwei Richtungen: Zum einen kann man es wie ein Diagnosemodell nutzen: Wo steht eine Person im Moment? Denn mit bestimmten Entwicklungsstufen sind auch bestimmte Denkmuster verbunden.

Die andere – für uns viel spannendere Frage – lautet: Wie können wir, zum Beispiel im Coaching oder bei einer Organisationsentwicklung, die Entwicklung unterstützen und wahrscheinlicher machen? Bei dieser Formulierung bin ich immer vorsichtig, denn nicht ich bin es, die Menschen entwickelt, sondern die Menschen entwickeln sich selbst. Aber ich kann als Coach zur Ich-Entwicklung beitragen, manches Mal auch etwas Entscheidendes anstoßen.

Wichtig zu erwähnen ist, dass wir bei der Ich-Entwicklung von langjährigen Prozessen sprechen. Um von einer Stufe in die nächste Stufe zu kommen, kann es manchmal Jahre dauern.

FJ: Kannst Du das Modell der Ich-Entwicklung im Detail erläutern?

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UF: Wie bei den meisten Theorien, gibt es auch zur Theorie der Ich-Entwicklung unterschiedliche Darstellungen. Mir gefällt am besten ein Modell, das in einer schlangen-förmigen Bewegung abläuft.

Das bedeutet, es gibt zwei Pole: „Ich“ und „Andere“. Man könnte auch sagen „Individualisation“ und „Sozialisation“. Zwischen diesen beiden Polen läuft die Entwicklung ab. Denn als Menschen ist es unsere Aufgabe, einerseits ein Eigenes zu werden und andererseits in der Gemeinschaft zu sein – irgendwo dazwischen bewegt sich Entwicklung.

Stufe 1-2:

Die Stufen 1 und 2 sind kindliche Entwicklungsstufen. Über sie wird bei der Betrachtung Erwachsener daher nicht mehr gesprochen.

Stufe 3 – Die Selbstorientierte Stufe:

Alle Erwachsenen gelangen mindestens in Stufe 3. Bei dieser Stufe ist man voll und ganz auf der Ich-Seite und die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse steht im Vordergrund.

Stufe 4 – Die Gemeinschaftsbestimmte Stufe:

Wenn man sich von Stufe 3 weiterentwickelt, gelangt man in die sogenannte Gemeinschaftsstufe. Diese Stufe meint, dass man ich einer Gruppe anschließt, deren Regeln man sich unterordnet. Man kleidet sich gleich, wählt die gleichen Politiker und hört die gleichen Songs wie es die Gruppe vorgibt. Das eigene Denken und Handeln sind an Regeln und Normen der Bezugsgruppen ausgerichtet, die oft auch eine starke Führungsperson hat. Zusammengefasst geht das eigene Ich total in den Hintergrund und man definiert sich über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. In Stufe 4 findet eine Person Stärke, Nähe und Zusammenhalt in der Gemeinschaft.

Stufe 5 – Die Rationale Stufe:

Die fünfte Stufe ist eine Art Zwischenstufe. Wenn Menschen erkennen, wie sehr sie sich in Stufe 4 untergeordnet haben, entwickeln sich viele weiter und fragen nach anderen Orientierungsmöglichkeiten. Die Stufe 5 ist mit sehr viel Nachdenken verbunden und zum Beispiel werden wissenschaftliche Studien werden als Bewertungskriterium herangezogen, weil damit Dinge rational/objektiv belegt werden können. Mit der Haltung „Theorien, die validiert sind, kann man besser vertrauen als irgendwelchen Führungspersonen“ werden die Menschen in Stufe 5 unabhängiger und können ihre eigene Meinung bilden. Sie beginnen plötzlich, die Welt in Richtig und Falsch einzuteilen und ihre Begründungen dafür aus rationalen Quellen zu ziehen. Die Quellen können sehr weit gestreut sein, von zwei Tageszeitungen aus der Region bis zu strengen wissenschaftlichen Studien. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass die Ich-Entwicklung rein gar nichts mit Intelligenz zu tun hat. Man sucht sich in Stufe fünf nur außerhalb einer menschlichen Gemeinschaft Orientierung, die einem sagt, was richtig und falsch in der Welt ist.

Stufe 6 – Die Eigenbestimmte Stufe:

In der Stufe 6 sind die eigenen Werte stark geworden. Wenn ich beispielsweise für mich persönlich den Wert „Nachhaltigkeit“ habe, dann betrachte ich das, was ich mir auf Stufe 5 angeeignet habe, plötzlich unter diesem Aspekt. Sind die Ergebnisse, die ich in den Studien lesen kann auch wirklich nachhaltig? Vielleicht nicht unbedingt. Also mache ich mir ein eigenes, differenziertes Bild zu Nachhaltigkeitsthemen.

In Stufe 5 lese ich beispielsweise die Ingenieursnachrichten, in Stufe 6 jedoch versuche ich mir mein eigenes Bild davon zu machen. Die eigenen Werte spielen als Lebens-Kompass eine wichtige Rolle. Man akzeptiert auf Stufe 6, dass man nicht nur rational ist, sondern dass auch Emotionen eine wichtige Bedeutung haben. In Stufe 4 war zwar alles bereits sehr emotional, jedoch unreflektiert, eingeteilt in ein Freund-Feind-Schema. In Stufe 5 versuchen sich die Menschen von der emotionalen Kraft zu lösen. Und nun, in Stufe 6, können sie zulassen, dass Werte immer auch einen hohen emotionalen Aspekt haben und dass das gut so ist. Das Innere Erleben ist viel reicher und es wird akzeptiert, dass es nicht nur geradlinig ist. Es gibt Spannungen, aber dennoch hat man sein persönliches Werte-Set. Für Menschen, die sich in Stufe 6 befinden, ist es wichtig, sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen zu können und sich morgens im Spiegel in die eigenen Augen sehen zu können.

In Stufe 6 akzeptiert man zwar auch die Werte anderer. Aber irgendwann versteht man, dass die Fokussierung auf die eigenen Werte relativ ego-zentriert ist.

Stufe 7 – Die Relativierende Stufe:

Sich für die Werte anderer wirklich zu öffnen und die daraus resultierende Multiperspektive zuzulassen, das erfolgt erst in Stufe 7. In der relativierenden Stufe lotet man aus: „Ich weiß woher ich komme und ich schätze sehr, dass es andere Menschen mit anderen Perspektiven und Hintergründen gibt.“ Gerade in der internationalen Zusammenarbeit spielt das eine wichtige Rolle. Man merkt, dass man nicht einfach davon ausgehen kann, dass das eigene Werte-Set das einzig Richtige ist. Sondern man nimmt viel mehr Abstand von sich selbst und öffnet den Raum für andere und für anderes. Plötzlich wird klar, dass die Dinge relativ sind. In Stufe 7 stellen Menschen immer das Relativ her, denken also immer in einem großen Bezugsrahmen. Das Denken, Fühlen und Finden von Antworten wird damit viel komplexer.

Stufe 8 – Die Systemische Stufe:

Menschen, die sich in Stufe 8 oder höher befinden, tauchen im unternehmerischen Alltag kaum auf. Nach den Studien sind weniger als 1% der Gesamtbevölkerung auf Stufe 8. Hier ist die Multiperspektivität einer Person vollständig ausgebildet. Man verfügt über die Fähigkeit, sich widersprechende Aspekte und Meinungen zu integrieren und besitzt eine hohe Motivation, sich selbst weiter zu entwickeln. Außerdem weisen Personen in dieser Stufe ein großes Maß an Respekt vor der Autonomie anderer Personen auf. Und so schön es klingt, aber mit dieser Haltung passt man für Unternehmen oft nicht in den bekannten Management-Rahmen, so dass Menschen der Stufe 8 oft von sich aus einen anderen Weg wählen.

Stufe 9 – Die Integrierte Stufe:

Die Stufe 9 ist an kein explizites System aus Werten oder Einstellungen mehr gebunden. Erfahrungen werden ständig neu eingeordnet und in andere Zusammenhänge gestellt. Auch weisen Personen in Stufe 9 eine hohe Bewusstheit gegenüber dem eigenen Aufmerksamkeitsfokus auf. Sie sind in hohem Maße achtsam im Augenblick und das bedeutet, dass sie sich auch den „höher-schneller-weiter“-Bestrebungen meist entziehen.

Stufe 10 – Die Fließende Stufe:

Das Bedürfnis, Dinge und Personen zu bewerten, ist in Stufe 10 – der fließenden Stufe – irrelevant. Man lässt sich auf den Fluss der Dinge ein und verschmilzt mit der Welt um sich herum. Andersartigkeiten von Menschen werden voll und ganz akzeptiert.

FJ: Kann man sagen, auf welcher Stufe sich die meisten Erwachsenen befinden?

UF: Studien zufolge scheinen sich die meisten Erwachsenen unserer westlichen Industriewelt zwischen den Stufen 5 und 6 zu befinden. Auch viele Unternehmen befinden sich auf der Stufe 5. In der Stufe 8 oder sogar 9 sind vielleicht 1% der Erwachsenen. Aus diesem Grund ist auf den höheren Stufen die Datenlage auch sehr dünn.

Allgemein kann man jedoch sagen: Jede Gesellschaft entwickelt ihre Mitglieder im Schnitt bis zur Stufe auf der sie (die Gesellschaft) sich selbst befindet. Und wir leben in den westlichen Industrienationen in einer sehr individualistischen Gesellschaft: Hier zählt Leistung, zu wissen wo man hinmöchte, Effizienz und auch Zielorientierung. Das sind typische Merkmale der Stufe 6, die man auch schon in Stufe 5 erkennen kann.

FJ: Wie kann man überhaupt erkennen auf welcher Stufe sich jemand befindet?

UF: Wenn man gut mit dem Modell der Ich-Entwicklung vertraut ist, dann kann man messen auf welcher Stufe sich jemand befindet. Denn mit jeder Stufe sind bestimmte Weltverständnisse verbunden.

Zum Beispiel: Wenn mir jemand davon erzählt, dass draußen so ein Verkehrschaos herrscht, dann berichtet die Person auch davon, wie sie sich selbst erklärt, warum heute so viel auf der Straße los ist. Anhand der individuellen Erklärungsmodelle kann man erkennen, auf welcher Stufe sich die Person befindet.

Es gibt auch einen auf Jane Loevinger zurückgehenden qualitativen Test (Washington University Sentence Completion Test, kurz: WUSCT). Bei diesem Test gibt es einige vorgegebene Satzanfänge, wie zum Beispiel „Kriminalität könnte gestoppt werden, wenn…“. Diese Halbsätze werden dann von den jeweiligen Personen mit eigenen Antworten ergänzt. Aufgrund dieser spezifischen Erklärungsmodelle, also die Art und Weise wie sich jemand einen Sachverhalt erklärt oder eine Frage beantwortet, können zuverlässig Rückschlüsse darauf gezogen werden, auf welcher Entwicklungsstufe sich die Personen befindet.

FJ: Können einzelne Entwicklungsstufen auch übersprungen werden?

UF: Nein. Alle Stufen müssen durchlaufen werden, das ist zwingend im Reifungsprozess. Alle Zwischenstufen sind notwendig. Das ist – finde ich – auch eine sehr wohlwollende Haltung. Denn wenn sich jemand zum Beispiel in Stufe 5 (Rationale Stufe) befindet und sich voller Energie für die – aus seiner Sicht – richtige Meinung verkämpft, dann kann ich akzeptieren, dass diese Person ebenfalls auf dem Weg ist.

Ich arbeite oft mit Führungskräften, die zwischen 5 und 6 angesiedelt sind. Ich erinnere mich an einen Bereichsleiter, dem ich den Vorschlag gemacht habe, eine vertrackte Sache mit seinem Team von Gruppenleitern gemeinsam auszudiskutieren. Er hingegen war überzeugt, dass es seine Aufgabe sei, mit einem Lösungsvorschlag in das Meeting zu gehen. Er war unter Druck und konnte nicht sehen, dass auch ein anderer Weg möglich ist. Es war, als erreichten ihn meine Worte gar nicht, das wurde mir im weiteren Verlauf klar. Das Wissen um die Entwicklungsstufen erleichtert auch Manches, finde ich.

FJ: Und wie gelangt man von einer Stufe in die nächste Stufe?

UF: Ein wesentliches Element der Weiterentwicklung ist die Selbstreflexion. Auch Input von außen ist ein wichtiger Aspekt. Und manchmal wiederum benötigt es mehr – in Form von großem Druck, Nöten oder Hindernissen. Es kann etwas von außen sein, das eine Person zu einer Weiterentwicklung herausfordert und antreibt. Das kann ein anderes Umfeld aber zum Beispiel auch ein Coach sein.

Als ich mit 18 von zuhause ausgezogen bin, plötzlich ein anderes Umfeld hatte und alle Dinge selbst regeln musste, hat sich für mich ein neues Lebensgefühl entwickelt. Und so ein neues Lebensgefühl ist eine andere Umschreibung dafür, dass sich etwas entwickelt hat. In diesem Fall waren das positive oder förderliche Umstände, aber es kann natürlich auch sein, dass es ganz schlimme Umstände sind, die jemanden dazu zwingen, sich weiterzuentwickeln oder die eine Not auslösen und damit zu einer inneren Entwicklung beitragen.

FJ: Kann eine höhere Stufe mit einer besseren Stufe gleichgesetzt werden?

UF: Das ist eines der schwierigsten Dinge an dieser Theorie. Man schafft es kaum ohne Wertung und ohne Ableitung im Sinne von besser und schlechter. Denn in einer gewissen Weise ist eine spätere Stufe – zwar nicht besser – aber tatsächlich wertvoller, weil man reifer, souveräner und letztlich schlicht zu mehr fähig ist. Das zu vermitteln, ohne dass Menschen anfangen, sich vergleichen und besser sein zu wollen – daran arbeite ich noch.

Wenn man in einer späten Stufe ist, dann empfindet man das selbst jedoch nicht als besser. Man ist vor allem dankbar und froh, dass etwas möglich ist, was früher nicht möglich war.

FJ: Wie sehen andere Darstellungen der Ich-Entwicklung aus?

UF: Es gibt eine andere, ebenfalls grundsätzliche Vorstellung, das sogenannte Schalenmodell. Das Schalenmodell meint, dass mit jeder neuen Entwicklungsstufe eine weitere, offene Schale dazukommt.

Wenn jemand beispielsweise in der Stufe bzw. Schale 6 angekommen ist, dann hat er immer noch die die Schalen 1 bis 5 in sich. Man versteht alle bereits durchlaufene Stufen weiterhin und kann auch immer mal darauf zurückgreifen.

Folgender Unterschied lässt sich in diesem Modell außerdem auch gut abbilden: Wenn man mehr in eine bestehende Schale füllt, was originär zu dieser Schale gehört, dann heißt das Lernen. Wenn man aber etwas macht, was in die nächste Schale führt, dann bedeutet das sich zu entwickeln.

Als Coaches haben wir die Aufgabe, lauter Dinge zu erfragen und anzustoßen, die eine nächste Schale ermöglichen und die eine Weiterentwicklung wahrscheinlicher machen.

FJ: Welche Bedeutung hat das Modell der Ich-Entwicklung für die Führungskompetenz?

UF: Es wird davon ausgegangen, dass sich Führungskräfte in den meisten Industrie-Unternehmen auf den Stufen 5 und 6 bewegen. Dabei sind Führungskräfte mit Trends und Veränderungen konfrontiert, wie Digitalisierung, Globalisierung, Diversity und Ähnliches. Diesen neuen Themen können Führungskräfte nur gut begegnen, wenn sie sich selbst auch weiterentwickelt haben. Wenn sie mehr in Richtung relativierende Stufe (Stufe 7) gekommen sind. Wenn sie zum Beispiel mehr zulassen können, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt.

Ganz offensichtlich wird das beim Thema „Internationale Zusammenarbeit“. Es benötigt sehr viel Offenheit für die Perspektiven anderer. Und diese Offenheit umfasst nicht nur ein „Aha, interessant, aber bei uns macht man das so – du musst dich eben anpassen“, sondern eher „Ich weiß im Moment noch nicht wie die Lösung aussieht, aber lass uns den Weg gemeinsam suchen“

Dabei kann man das Gegenüber auch herausfordern. Relativierende Stufe bedeutet nämlich nicht, dass Alles einfach so hingenommen wird – im Gegenteil! Auf der relativierenden Stufe möchte man verstehen, was der Kollege oder die Kollegin aus dem anderen Standort umtreibt. Und darum fordert man auch ein, dass sich das Gegenüber einbringt und klar äußert, sodass man es verstehen kann. Das Ziel, das damit einher geht, ist das Bestreben, die verschiedenen Seiten zusammenzubringen. Und genau das ist die Anforderung an Führungskräfte, die meist mit Leadership bezeichnet wird: viele Perspektiven verbinden zu können. Mit dem Modell der Ich-Entwicklung können Führungskräfte besser verstehen, wo sie aktuell unterwegs sind und was für sie die nächsten Schritte bedeuten.

FJ: Was gefällt Dir persönlich am besten an der Theorie der Ich-Entwicklung?

UF: Mit der Theorie der Ich-Entwicklung klärt sich für mich persönlich etwas, was ich, immer wenn es um Potenzialeinschätzungen geht, seit Jahren schon mit mir herumtrage. Nämlich, dass es einen Reifeaspekt gibt, der den wesentlichen Unterschied macht. Und den ich in keinem Anforderungsprofil je explizit gefunden habe. Mit der Theorie von Jane Loevinger ordnet sich für mich etwas bislang Ungeordnetes. Das fasziniert mich total! Dazu kommt die Perspektive, dass es da noch einen größeren Rahmen gibt: Die Stufen der Entwicklung scheinen kulturunabhängig zu sein. Und damit bewegen wir auf einer originär personenbezogenen Ebene – quasi die DNA von Persönlichkeit. Das fühlt sich für mich aufregend, weil weltumspannend an.

Eine Vision, die mir sehr gut gefällt, stammt vom Organisationspsychologen Robert Kegan. Er hat sich, angelehnt an Loevinger, die Frage gestellt: Wenn die Evolution doch nichts umsonst macht, warum werden wir Menschen dann so viel älter als früher? Kegans Vision lautet: Es könnte damit zusammenhängen, dass wir die Chance erhalten sollen, uns weiterzuentwickeln. Denn die Ich-Entwicklung benötigt (Lebens-)Zeit. Wenn wir mehr Jahre zur Verfügung haben und mehr Menschen spätere Stufen der Ich-Entwicklung erreichen, dann finden wir auch eher die Lösung für unsere globalen Probleme. Denn auf einer Stufe 4 können wir diese einfach noch nicht sehen. Also bedeutet mehr Lebenszeit auch mehr Chance auf Reife und damit auf nachhaltige Lösungen für unsere Welt. Das ist für mich persönlich eine sehr schöne Vision.

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Die Autorinnen

Franziska Just commma

Franziska Just

Franziska Just unterstützt das commma Team seit April 2021 und geht so neben dem Masterstudium im Fach Corporate Communication Management ihrem Interesse an der Personalentwicklung nach. Empathie, Beigeisterungsfähigkeit und Neugierde zeichnen sie im Umgang mit ihren Mitmenschen aus und bilden gemeinsam mit ihren bisherigen Erfahrungen im Online Marketing die Grundlage ihrer Texte.

Ursula Franke Psychologin Moderatorin Coach

Ursula Franke

ist Diplom-Psychologin, Geschäftsführerin und Mediatorin und unterstützt seit über 25 Jahren Kunden bei den Herausforderungen in der Personalentwicklung. Sie ergündet sorgfältig den Kern eines Menschen und weiß, was Begegnung, Vertrauen und Tiefe nachhaltig bewirken können. Ihre Erfahrungen gehen von kleinen Unternehmen bis zu höchsten Führungsebenen in Konzernen.

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