ambiguitaetstoleranz

Ambiguitätstoleranz (Teil I) – mit Unsicherheiten und Widersprüchen umgehen können 

Ambiguität hat im Rahmen des Akronyms VUCA große Bedeutung. VUCA steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität sowie Ambiguität und beschreibt die Welt, in der wir leben. Es wird gefühlt immer schneller und komplexer, alles ist miteinander vernetzt und somit steigt auch das Aufkommen von Mehrdeutigkeit kontinuierlich an. Doch der Umgang mit Ungewissheit, Widersprüchen und Mehrdeutigkeit ist für die meisten Menschen wohl eine der größten Herausforderungen – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Und wenn man eine Ebene tiefer schaut, dann liegt dahinter das Thema des Umgangs mit dem Gefühl der Ohnmacht (vgl. Metatheorie der Veränderung Post von Klaus Eidenschink auf LinkedIn vom 13.03.2022). 

 

In unserem Blogbeitrag möchten wir das Thema Ambiguität im Arbeitsumfeld näher beleuchten und darstellen, weshalb Ambiguitätstoleranz eine so wichtige Fähigkeit ist. 

Was ist Ambiguitätstoleranz? 

Der Begriff Ambiguität findet seine Herkunft im Lateinischen „ambiguitas“ und kann übersetzt werden als „Zweideutigkeit, Doppelsinnigkeit, Doppeldeutigkeit“. Laut Wirtschaftslexikon bezeichnet es „eine Situation unter Unsicherheit, in der der Entscheider keine eindeutigen Vorstellungen über die Wahrscheinlichkeiten möglicher Ereignisse hat“ (Wirtschaftslexikon 2022).  

So viel zur Theorie. Doch was bedeutet das in Klartext?  

Wir Menschen lieben Zahlen, Fakten (notfalls auch falsche Fakten) und kausale Zusammenhänge. Wir treffen unsere Entscheidungen auf der Grundlage von (scheinbar fundiertem) Wissen und fühlen uns damit sicher. Es gibt unzählige Studien darüber, wie Menschen mit abweichenden Informationen umgehen und dass wir Meister darin sind, uns die Welt so zu deuten, dass es wieder mit unserer Ausgangsüberzeugung übereinstimmt (vgl. Konsistenztheorien z.B. nach Leon Festinger). 

Das Problem ist jedoch, dass komplexe Situationen immer mehrdeutig sind und je mehr Informationen z.B. durch gute Vernetzung zur Verfügung stehen, immer un- bzw. mehreindeutiger werden. Gerade im Geschäftsumfeld gibt es meist mehr als nur eine Lösung und kein analytischer Prozess allein gibt uns vor, welche Option die richtige ist. Entscheidungen beinhalten immer auch eine „Wette auf die Zukunft“ und Entscheider sind damit auf subjektive Einschätzungen angewiesen, wie sich die Zukunft entwickeln wird. Als weiterer Aspekt kommt hinzu, dass diese Zukunft, auf die „gewettet“ wird, immer auch von uns mitgestaltet wird. In einer mehrdeutigen Situation ist es schlicht nicht möglich, die eine „richtige“ Antwort zu finden, denn es gibt nicht nur eine Lösung.  

Ambiguitätstoleranz bedeutet in diesem Kontext also nicht nur Mehrdeutigkeiten und Widersprüche auszuhalten, sondern diesen vielmehr offen zu begegnen und konstruktiv mit ihnen umzugehen. Demnach handelt es sich um die Fähigkeit, Widersprüche und Mehrdeutigkeiten differenziert zu betrachten und auch bei Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. 

Warum ist es wichtig, über eine ausgeprägte Ambiguitätstoleranz zu verfügen? 

In Veränderungsprozessen wird Ambiguität besonders spürbar. Gerade in Situationen, die sich kurzfristig und ungeplant verändern, in denen gewohnte Methoden nicht mehr wirken. Eine Flut von Informationen prasselt dann auf uns herein und manchmal weiß bald keiner mehr, was er glauben kann.  

Eine geringe Ambiguitätstoleranz führt in solchen Fällen häufig zu gereiztem Verhalten und einseitigem Schwarz-Weiß-Denken und zu weiteren Formen von Widerstand. Viele neigen dazu, die gewohnte Ordnung wiederherstellen zu wollen und reagieren unreflektiert und manchmal übereilt. Wenn man genauer hinschaut, sind Personen mit geringer Ambiguitätstoleranz durch die entstandene Situation unter großen Druck geraten und erleben subjektiv starken Stress durch das Gefühl der Ohnmacht. Und wer mag schon starken Stress? Entscheidend ist aber, welchen Zustand wir als Stress und gar übergrenzwertig stressig empfinden.  

Um eines klar zu stellen: Wir finden nicht, dass die Welt nur großartig ist und wenn etwas nicht stimmt – wenn also Schmerz oder Druck wahrgenommen wird – man nur an sich selbst ein wenig zu drehen braucht, um alles wieder in Sonnenschein erstrahlen zu lassen. Auch angesichts der aktuellen Ereignisse in der Ukraine wäre solch‘ eine Haltung nur als zynisch zu bezeichnen. Was wir als Psychologen jedoch wissen ist, dass Menschen in stressigen Situationen unterschiedlich gut zurechtkommen und Manche im positiven Sinne verbindend und konstruktiv bleiben können, wo andere angesichts der Widersprüche zu einfachen Wahrheiten greifen und alles andere abstreiten oder ausblenden. Selbstredend, dass ein solcher Führungsstil dazu beiträgt, dass sich viele Mitarbeiter nicht gesehen oder ausgegrenzt sehen und kein Leadership-Teamklima entsteht.

Eine hohe Ambiguitätstoleranz dagegen wirkt in erster Linie stressmildernd und de-eskalierend, da sie Raum für Kompromissfindung und Problemlösungen bietet. Weitere Vorteile, die sich durch eine hohe Ambiguitätstoleranz ergeben sind:

  • mehr Gelassenheit und Ruhe
  • Perspektivenvielfalt statt Schwarz-Weiß-Denken
  • Entscheidungen trotz Unsicherheit treffen
  • Stärkung des Selbstvertrauens
  • Bessere Konfliktlösung und Kompromissfindung
  • Höhere Veränderungsbereitschaft und Flexibilität

Das konstruktive Umgehen mit Ungewissheit und Vieldeutigkeit ist notwendig, um in einer modernen, vielfach vernetzten Arbeitswelt handlungsfähig zu bleiben. Nicht nur im Sinne von mehrdeutigen Situationen, auch im Kontext von Meinungsvielfalt und Diversität in Bezug auf kulturelle Herkunft oder andersartige Lebensweisen gilt es heute Pluralität zu nutzen und die Vielfalt als Chance zu betrachten.

Und nun? Ambiguitätstoleranz stärken!

Einer ausgeprägten Ambiguitätstoleranz liegen verschiedene Aspekte zu Grunde. Dabei hilft besonders eine hohe Ausprägung in einer der Eigenschaften aus den Big Five, der „Offenheit für Neues“ heißt. Doch es sind tatsächlich weniger einzelne Eigenschaften, als vielmehr die Reife einer Person, die darüber entscheidet, wie gut jemand mit Unsicherheit und dem Gefühl der Ohnmacht umgehen kann. Muss jemand sofort alles daransetzen, die alte Macht wiederherzustellen oder kann er/sie es aushalten, sich als ohnmächtig und damit vergänglich zu erleben? Perspektivenvielfalt und eine wohlwollende Wahrnehmung von Abweichungen sind Aspekte von persönlicher Reife. Und diese Reife kann entwickelt werden.

Der erste Schritt hin zu einer stärkeren Ambiguitätstoleranz bezieht sich dabei zunächst auf das Bewusstsein. Das Bewusstwerden darüber, dass widersprüchliche und mehrdeutige Situationen normal sind, hilft dabei, Sicherheit im Unsicheren zu gewinnen.

In unserem nächsten Blogbeitrag möchten wir anhand eines Beispiels wichtige Tipps und Methoden aufzeigen, mit denen die Ambiguitätstoleranz gestärkt werden kann.

Falls Sie bis dahin Fragen haben, nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Quellen:

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Die Autorin

Franziska Just commma

Franziska Just

Franziska Just unterstützt das commma Team seit April 2021 und geht so neben dem Masterstudium im Fach Corporate Communication Management ihrem Interesse an der Personalentwicklung nach. Empathie, Beigeisterungsfähigkeit und Neugierde zeichnen sie im Umgang mit ihren Mitmenschen aus und bilden gemeinsam mit ihren bisherigen Erfahrungen im Online Marketing die Grundlage ihrer Texte.

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